75 Jahre Kantorei Siegen

Die Kantorei Siegen wird 75 – wer hätte das gedacht und zu hoffen gewagt, als sich in den kargen und entbehrungsreichen Nachkriegsjahren eine kleine Schar Sängerinnen und Sänger in Siegen zusammenfand, um die Kirchenmusik in der zerstörten Stadt wieder aufleben zu lassen. Kaum zwei Jahre nach Kriegsende hungerte es die durchweg jungen Enthusiasten nicht nur nach Nahrung für den Leib – das sicher nur allzu häufig auch , sondern auch für Seele und Geist: Sie wollten singen! Und so begann am 13. März 1947 die erste Probe des neugegründeten Chores unter der Leitung von Kantor Helmut Winter im damaligen Konfirmandenhaus in der Oberen Metzgerstraße, dem nahezu einzigen unzerstörten kirchlichen Gebäude der Stadt. Die »Evangelische Kantorei Siegen« hatte ihre Arbeit aufgenommen. Einen Schwerpunkt ihrer Aufgaben bildete in der ersten Zeit das Unterstützen des Gemeindegesangs überall dort, wo in Siegen evangelische Gottesdienste abgehalten wurden. Es gab weder Kirchen noch Orgeln, sodass man beispielsweise zur Klavierbegleitung von Helmut Winter im ehemaligen Charlottenkino nahe der Eintracht sang. Doch auch mit der Erarbeitung von anspruchsvoller Chorliteratur wurde quasi sofort begonnen, und so konnte Ende 1947 bereits zur ersten »Geistlichen Abendmusik« in den Oraniersaal des Oberen Schlosses eingeladen werden.


Im Laufe der Jahre erarbeitete sich der Chor Stück für Stück die »große« Chorliteratur und führte z. B. Johann Sebastian Bachs Weihnachts-Oratorium 1953 zum ersten Mal auf. Bis zur Aufführung seiner Matthäus-Passion sollte es allerdings noch 17 Jahre dauern. Das spricht für einen kontinuierlichen, sorgfältigen Aufbau des Chores, der allmählich an größere Aufgaben herangeführt wurde, aber natürlich auch für die erst langsam wieder entstehenden Möglichkeiten, die großen Chor-Orchesterwerke überhaupt aufzuführen. Ein Glücksfall für die Kantorei war hierbei das großartige kulturelle Engagement der Unternehmerfamilie Weiss aus Dahlbruch, die seit 1954 die Kirchenmusik im oberen Ferndorftal förderte und die Kantorei zu Konzerten einlud. Mit der Gründung des Gebrüder-Busch-Kreises e.V. im Jahr 1961, ebenfalls unterstützt durch die Eigentümer der Siemag, erlebte die Kulturarbeit im nördlichen Siegerland einen weiteren Aufschwung, und bis heute führt die Kantorei ihre Konzertprogramme häufig in Siegen und in Hilchenbach bzw. Erndtebrück auf.


Ein weiteres wichtiges Standbein der Kantorei waren und sind die Instrumentalkonzerte, die neben den Konzerten mit Chorbeteiligung die Jahresprogramme füllen. Hier sind oftmals hochkarätige Solisten und Ensembles in der Nikolaikirche zu Gast und bieten dem Publikum ihre Kunst dar. Doch auch das Singen im Gottesdienst gehört nach wie vor zu den gerne wahrgenommenen Aufgaben des Chores, auch wenn der Kirchenchor Siegen hier den größten Teil der »Sonntagsarbeit« leistet.


Nach dem Weggang von Helmut Winter, der in schwerer Zeit eine gute Grundlage legte, übernahm 1956 Almuth Höfker, selbst Gründungsmitglied der Kantorei, nach entsprechender Ausbildung die Leitung des Chores. 1968 erfolgte ihre Anstellung als Kirchenmusikerin an der Nikolaikirche; sie nahm die Kantorei sozusagen in die Nikolai-Kirchengemeinde mit. In den 35 Jahren ihres Wirkens erweiterte die Kantorei ihr Repertoire kontinuierlich, die großen Chorwerke der Romantik wurden erarbeitet und auch die moderne bis modernste Chorliteratur fand Eingang in die Konzertprogramme. So vertraute der Komponist Henning Frederichs Almuth Höfker und der Kantorei 1986 die Uraufführung seiner Passionserzählung der Maria Magdalena an. Über viele Jahre hinweg konnte sich die Kantorei auf ein internes Solistenensemble stützen: Annegrete Fries, Christa Achenbach, Elmar Gränzdörffer und Hans-Peter Fries übernahmen die Soloparts nicht nur in Kantaten und Motetten, sondern durchaus auch in größeren Werken. In der »Ära Höfker« beginnt auch die Zusammenarbeit mit dem damaligen »Siegerlandorchester«, die als »Philharmonie Südwestfalen« bis heute der bewährte Partner der Kantorei für die großen, in der Siegerlandhalle aufgeführten Chor-Orchesterwerke ist.


Seit 1991 leitet Ute Debus die Kantorei Siegen und führt die gute Arbeit ihrer Vorgänger fort – selbstverständlich nicht ohne von Beginn an eigene Akzente zu setzen. So führte sie quasi sofort die »Kantate zum Mitsingen« ein, die seither in schöner Regelmäßigkeit am zweiten Sonntag im September stattfindet und Gastsängern die Möglichkeit gibt, in die Kantorei hineinzuschnuppern. Mittlerweile gehören solche Chorprojekte – auch für größere Werke – zum festen Bestandteil der Kantoreiarbeit und erfreuen sich großer Beliebtheit. Nicht zuletzt durch diese Offenheit für neue Wege gelang Ute Debus der zu Beginn ihrer Amtszeit anstehende Generationenwechsel im Chor. Heute profitiert die Kantorei von ihrer Tätigkeit an der Universität Siegen, wo sie Chor und Orchester leitet, und auch ihren sonstigen vielfältigen Kontakten, z. B. mit der Blechbläserszene des Siegerlandes. Immer wieder kommt es so zu neuen, befruchtenden Kooperationen, ungewöhnliche Projekte und neue Formate können realisiert werden.


Von Anfang an war Ute Debus auch die Erarbeitung zeitgenössischer Musik ein Anliegen und so kam es am 16. Dezember 1994, anlässlich des 50. Jahrestages der Zerstörung Siegens, zur ersten Aufführung des Dresdner Requiems aus dem Jahr 1945 von Rudolf Mauersberger. Heute übernimmt die 1998 gegründete »capella cantabilis«, das etwa 20-köpfige Vokalensemble der Kantorei, überwiegend die Neue Chormusik, die häufig eher für eine kleine Besetzung komponiert ist. Mit der großen Kantorei bewegt sich Ute Debus trotzdem weiterhin gern auf neuen Pfaden und erarbeitete z.B. zusammen mit der Uni-Big Band Siegen das Sacred Concert von Duke Ellington oder auch immer wieder anspruchsvolle Werke der geistlichen Popularmusik. Als geschätztes Instrumentalensemble zur Begleitung in Christmette, Kantaten-Gottesdiensten bis hin zu großen Chor-Orchesterwerken steht seit vielen Jahren die Camerata Instrumentale Siegen an der Seite der Kantorei.


Aus den vielfältigen weiteren Aktivitäten des Chores seien noch die zahlreichen mehrtägigen Konzertreisen erwähnt, die die Kantorei seitBeginn der 60-er Jahre an viele Orte in Deutschland, Europa und 2013 sogar bis nach Israel geführt haben. Und auch drei weitere Personen dürfen nicht unerwähnt bleiben, wenn man die Arbeit des Chores würdigen will: Anneli und Erich Hundt als erstes Geschäftsführerpaar der Kantorei und Hannelene Reuter-Becker, die diese äußerst umfangreiche und arbeitsintensive Aufgabe bis 2015 über mehr als zwei Jahrzehnte mit großem Engagement und Geschick ausgeführt hat.


2017 beging die Kantorei in kleinem Rahmen ihr 70-Jähriges und plante voller Vorfreude das große Fest zum 75. Jubiläum – doch dann kam Corona. Und auch wenn der Chor diese herausfordernden zwei Jahre recht gut überstanden hat, ist man vom normalen Probenund Konzertbetrieb noch weit entfernt. Dankbar blicken die Sängerinnen und Sänger auf das erste Chorkonzert zurück, das sie am 20. März 2022, quasi mit halber Besetzung und kleinem Orchester, in der Nikolaikirche durchführen konnten und das den Auftakt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten darstellte. Diese werden nun »portionsweise« über das Jahr verteilt: Am 15. Mai gab es einen festlichen Kantatengottesdienst, ein ausgedehnteres Festwochenende soll vom 9. bis 11. September folgen.


Wie sieht die weitere Zukunft aus? Die »Freude am Singen« ist bei den derzeit ca. 80 Sängerinnen und Sängern, die donnerstags (übrigens seit 1947 unveränderter Probentag) aus dem gesamten Siegerland und darüber hinaus ins Gemeindehaus Altstadt zu den Proben kommen, ungebrochen, und nicht nur Teil einer bei Ute Debus beliebten Stimmübung. Die musikalische Qualität des Dargebotenen ist weiterhin hoch und soll es auch bleiben, doch genauso wichtig ist der Inhalt des Gesungenen: Die Kantorei Siegen verkündigt die gute Botschaft des christlichen Glaubens – und so geht man frohen Mutes in die Zukunft.


Andrea Müller,
Vorstandssprecherin der Kantorei Siegen