Angedacht

Gott geht auch in die Einsamkeit mit

"Mit dem Stock geht es ja draußen, aber den Lindenberg komme ich nicht mehr so leicht hinauf." – so höre ich eine ältere Dame sagen. Sie fühlt sich einsam, sie ist einsam. Die Kinder wohnen weit weg, ihr Mann ist vor ein paar Jahren verstorben, der Kontakt zu den Nachbarinnen ist aufgrund der vielen Mieterwechsel der letzten Jahre gering geworden. Zu Angeboten wie denen der Kirchengemeinde findet sie so recht keinen Anschluss. Durch die Einschränkungen der Mobilität wird das ja auch wirklich immer schwieriger, zu solchen Treffen zu kommen. Die Kirchengemeinde zieht sich zudem, wie so viele andere auch, aus der Fläche zurück. Kaum noch ein Laden, kein Friseur, keine Poststelle, keine Bank oder Sparkasse finden sich vor Ort. Was hilft da weiter? Wer hilft da weiter?


Was vor Ort bleibt, sind Menschen, Nachbarinnen, auch Menschen aus der Kirchengemeinde. Diese Menschen bleiben da und sind oft bereit, angesprochen zu werden. Hier kann ein Kontakt, eine Hilfe, ein Gespräch beginnen. Gerade die Kirchengemeinde besteht ja in erster Linie nicht aus
den Gebäuden, sondern aus den vielen Menschen, die sich zugehörig fühlen und sich engagieren.


Und Gott? »Dein Stecken und Stab trösten mich!« – so lesen und beten wir in Psalm 23. Die Rede ist von Gott, der als guter Hirte selbst mitgeht, schützt und hilft – eben mit seinem Stab, seinem Hirtenstock. Dieses Bild ist sehr eingängig, selbst in unserer Zeit moderner Landwirtschaft, selbst in der Stadt. Ich kann mir diesen sorgenden und umsichtigen Hirten bildhaft vorstellen. Dieser Hirte ist Gott selbst. ER geht mit, dieser Gott, der so ganz Mensch geworden ist und auch unsere Einsamkeiten so gut kennt.


So haben wir immerhin die Gewissheit, dass Gott da ist und keinen einsam zurück lässt. Aber trägt das, wenn die menschliche Nähe so sehr fehlt? Wenn ich mit keinem Verkäufer und keiner Schalterbeamtin mehr reden kann, von Nachbarn und Freunden ganz zu schweigen – was trägt dann? Was kann ich tun? Wie schwer es auch fällt, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, andere Menschen überhaupt zu Gesicht zu bekommen – mein Tipp wäre – einen Moment der Stille zu suchen – vielleicht jeden Morgen – und ein kurzes Gespräch mit Gott, ein Gebet zu sprechen und die Stille zu wagen – zu hören! Daraus kann ich dann Kraft schöpfen für Neues, für ein Telefonat, einen Brief, eine Begegnung! Denn leider ist es ja meistens so – der oder die Einsame muss den ersten Schritt selbst gehen. Deswegen ist das Thema so bedrückend. Gerne würde jede und jeder helfen, aber ohne den Anstoß »Hilf mir!« des oder der Betroffenen funktioniert der Schritt der Hilfe in der Regel nicht. Und zugleich ist die Hemmschwelle hoch, diesen Schritt zu gehen. Mit Gott sollte es leichter gehen!


Aus Psalm 23:
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.


Voller Mut und Vertrauen auf Gottes Zu-Tun und Mit-Gehen aus der Einsamkeit heraus grüßt Sie ganz herzlich Ihr

Pfarrer Ralf Prange.

Pfarrer Ralf Prange
Pfarrer Ralf Prange